Wer wird weltweit gegen COVID-19 geimpft? (Stand April 2021)

Bei einer Betrachtung der interaktiven Karte von ourworldindata zu den COVID-19-Impfstoffdosen, verabreicht pro 100 Personen der Gesamtbevölkerung, ist im Zeitraffer seit Dezember 2020 zu beobachten, wie sich immer mehr Länder blau färben. Diese Länder haben begonnen, Menschen zu impfen. Je dunkler dieser Blauton ist, desto mehr Personen wurden geimpft. Nordamerika und Europa sind dunkelblau, Teile Asiens sind hellblau und in der Mitte der Karte ist ein weißer Fleck zu sehen. Afrikanische Länder, insbesondere in der Subsahara, haben aktuell keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu den so wichtigen Impfstoffen: Es herrscht eine schockierende Ungleichheit in der globalen Verteilung, wie es der Generaldirektor der WHO formuliert. Im Februar 2021 gaben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) dazu eine gemeinsame Erklärung ab. Sie wiesen darauf hin, dass sich zehn Nationen 75 % des gesamten globalen Impfstoffes sicherten, während weit über 100 Länder, in denen über 2,5 Milliarden Menschen leben, bis Februar keine einzige Dosis der Impfstoffe erhielten. Durch die COVAX-Lieferungen haben sich zwar diese Zahlen geringfügig verbessert und mehr Länder haben nun Zugang zu den Vakzinen, aber von weltweit bis April mehr als 700 Millionen verabreichten Impfdosen, haben Länder mit hohem Einkommen mehr als 87 % der Impfstoffe erhalten und Länder mit niedrigem Einkommen gerade einmal 0,2 %. Im Durchschnitt hat in Ländern mit hohem Einkommen einer von vier Menschen eine Impfung erhalten. In Ländern mit niedrigen Einkommen ist es einer von mehr als 500. Konkret: In Österreich haben 32 von 100 Personen eine Impfung erhalten, in Uganda 0,94 und in Syrien gerade einmal 0,01 Personen.  Daher prognostizieren die Intelligence Unit des Economist, aber auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass mit einer vollständigen Durchimpfung dieser Länder frühestens 2023 zu rechnen ist, während in Europa oder den USA eine solche mit Ende dieses Jahres zu erwarten ist. „The world is on the brink of a catastrophic moral failure – and the price of this failure will be paid with lives and livelihoods in the world’s poorest countries“, warnt Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Verheerende Folgen des global ungleichen Zugangs zu COVID-19-Impfstoffen

Die Ungleichheit zwischen armen und reichen Ländern ist eklatant. Von einer fairen, solidarischen und gerechten Verteilung der Impfstoffe sind wir weit entfernt. Genau das sollte jedoch das Ziel sein, da, wie eine aktuelle Studie der Northwestern University schätzt, eine weltweit gleichmäßige Verteilung der Impfstoffe die Todeszahlen weltweit halbieren könnte. Zudem würde dies weiteren Mutationen entgegenwirken, die sich in nicht geimpften Bevölkerungsgruppen entwickeln. Das Virus und dessen Mutationen kennen keine Landesgrenzen, wie es die Mutationen B.1.1.7 oder B.1.351 zeigen. Neue Mutationen und Varianten von COVID-19, die in anderen Ländern auftreten und sich ausbreiten, werden alle Menschen betreffen.            
Abgesehen von gesundheitlichen Aspekten wäre eine faire Verteilung der Impfstoffe entscheidend, um die ökonomischen und sozialen Folgekosten der Pandemie zu verringern. Diese sind, ähnlich wie die gesundheitlichen Folgen dramatisch: Die UNCTAD kalkuliert, dass die Weltwirtschaft aufgrund der Pandemie im Jahr 2020 um 4,3 % geschrumpft ist. Die ökonomischen Schäden der COVID-19 Pandemie, verschärfen bestehende soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten. Zudem untergraben sie bereits erzielte Fortschritte bei der Reduzierung von Armut, der Erreichung der Agenda 2030 und der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Die Weltbank prognostizierte daher im Januar 2021, dass aufgrund der Pandemie extreme Armut global zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder steigen wird. Bis 2030 könnte laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen durch die Folgen der Pandemie und der wirtschaftlichen Krise die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen daher weltweit auf über eine Milliarde steigen. Um die Pandemie zu beenden, Leben zu retten und die wirtschaftlichen sowie sozialen Folgen zu minimieren, ist ein gerechter Zugang zu den Vakzinen für alle unabdingbar.

Möglichkeiten und Hindernisse für eine Steigerung der Produktion der Impfstoffe

Für einen gerechten Zugang braucht es mehr Impfstoffdosen für den Globalen Süden. Dafür müssten jedoch die Produktionskapazitäten rasch ausgebaut werden, da jeden Tag mehr Menschen an dem Virus erkranken und sterben.
Die Impfstoffproduktion ist jedoch streng reguliert. So ist es derzeit nur Patentträgern oder lizenzierten PartnerInnen erlaubt, die patentierten Impfstoffe herzustellen, da Rezepturen und Verfahren geschützt sind. Die Produktionskapazitäten sind somit limitiert. Um diese zu erhöhen, hat beispielsweise AstraZeneca unter anderem dem Indian Serum Institut, dem weltweit größtem Impfstoffhersteller, eine Notfallgenehmigung erteilt, die es dem indischen Institut erlaubt, den Impfstoff herzustellen. AstraZeneca ist dabei jedoch allein auf weiter Flur. Andere Impfstoffproduzenten und Pharmafirmen versuchen, anstatt Lizenzen an bereits bestehende Einrichtungen zu verteilen, eigene neue Produktionsstätten zu errichten. Das benötigt Zeit, die jedoch nicht vorhanden ist. Indien und Südafrika, unterstützt von mittlerweile über 100 weiteren Ländern, haben daher bereits im Oktober 2020 einen Antrag bei der Welthandelsorganisation eingebracht, um das TRIPS-Abkommen, das Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums, in Bezug auf die COVID-19 Impfstoffe und Medikamente temporär auszusetzen. Dieses Abkommen schützt und regelt auf internationaler Ebene die Patente. Indien und Südafrika argumentieren, dass ein vorübergehendes Aussetzen der Patente sowie ein entsprechender Technologie- und Know-How-Transfer anderen Unternehmen oder Institutionen – unter anderem im Globalen Süden - ermöglichen würde, ungenützte Produktionskapazitäten zu nutzen. Dadurch könnte schlussendlich die Produktionsmenge gesteigert werden. Der Antrag wurde jedoch bis jetzt vor allem von Ländern mit hohem Einkommen blockiert, genau jenen Ländern, in welchen die Impfrate bereits sehr hoch ist. Die WTO selber schlägt einen dritten Weg vor: Pharmaunternehmen sollen auf einer freiwilligen Basis Lizenzverträge mit anderen Herstellern abschließen und diesen somit die Produktion von Impfstoffen ermöglichen. Dieser Vorschlag wird jedoch als nicht ausreichend angesehen, da diese Möglichkeit von Seiten der Pharmaunternehmen überwiegend nicht genutzt wird.

Die COVAX-Initiative für einen weltweit gleichmäßigen und gerechten Zugang zu COVID-19-Impfstoffen und ihre Herausforderungen      

Fehlende Impfstoffe sind auch ein Problem für die WHO-Initiative COVAX (Covid-19 Vaccines Global Access). Zusammen mit der Internationalen Impfschutzallianz (Global Vaccine Alliance, GAVI) hat die WHO die Initiative mit dem Ziel ins Leben gerufen,  allen Menschen in allen Teilen der Welt, unabhängig von ihrer finanziellen Situation, einen gerechten Zugang zu COVID-19-Diagnosen, Behandlungen und Impfstoffen zu ermöglichen. 92 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind berechtigt, Impfstoff stark subventioniert oder kostenlos von COVAX zu erhalten. Finanziert wird dies von einkommensstarken Staaten, privaten Firmen und PhilanthropInnen. Die EU hat beispielsweise Anfang März angekündigt, ihre Förderung von 500 Millionen auf 1 Milliarde Euro zu steigern und Österreich versicherte im Dezember 2020 2,4 Millionen Euro beizusteuern. Dennoch ist das Programm unterfinanziert. Mindestens sechs bis acht Milliarden Dollar benötige COVAX dieses Jahr zusätzlich, um Impfstoffe zu kaufen und diese effizient und schnell zu verteilen. Bei der Beschaffung konkurriert COVAX jedoch mit westlichen Staaten und der EU. Es herrscht ein großes Machtungleichgewicht, außerdem sichern sich Industriestaaten, obwohl sie teilweise COVAX finanziell unterstützen, Dosen durch bilaterale Verträge mit Impfstoffproduzenten, was das Angebot drastisch reduziert. Länder mit hohem Einkommen reservierten sich so über vier Milliarden Impfstoffdosen. Kanada und die EU sicherten sich beispielsweise so viel Impfstoff, dass sie nach erfolgter Lieferung ihre Bevölkerungen mehrfach durchimpfen könnten. COVAX wird darüber hinaus auch durch Exportverbote an der Erreichung ihres Ziels, 20 Prozent der Bevölkerungen aller Länder die Impfungen zu ermöglichen, gehindert.

Die Verteilung der Impfstoffe in Ländern des Globalen Südens muss vorbereitet werden

Fehlende Impfstoffe sind jedoch nur eine Seite der Medaille, die Verteilung vor Ort ist die andere. Denn ohne die entsprechende Logistik und Begleitprogramme zur Verteilung wären die Impfstoffe nutzlos. Um den Zugang zu Impfstoffen für alle zu garantieren, müssen Regierungen ihre Länder und insbesondere ihre Gesundheitssysteme für die Impfungen vorbereiten. Da die Impfstoffe zumeist gekühlt gelagert und transportiert werden, was insbesondere in Ländern des Globalen Südens ein Problem darstellen könnte, bedeutet dies, dass beispielsweise Kühlketten aufgebaut oder Impfzentren errichtet werden müssen. Um die Qualität der Impfstoffe sicherzustellen, sollten die Impfungen darüber hinaus technische Anleitungen über Dosierung, Art der Anwendung und Art der Lagerung enthalten. Auch Mobilisierungs- und Informationskampagnen sowie vertrauensbildende Kampagnen, die die Impfakzeptanz steigern, sollten die Impfstoffverteilung begleiten. Für all das sind viele Ressourcen in Ländern des Globalen Südens vonnöten. Diese Ressourcen dürfen jedoch nicht auf Kosten von Routineimpfungen, wie beispielsweise gegen Polio, Diphtherie oder Tuberkulose, gehen. Die COVID-19-Impfungen müssen zusätzlich zu und nicht auf Kosten von Routineimpfungen erfolgen.            
Entscheidend für den Erfolg ist neben der Logistik auch das lokale Gesundheitspersonal: Es ist der Dreh- und Angelpunkt für einen fairen Zugang zu den Vakzinen für alle. Das Gesundheitspersonal muss daher besonders geschützt, finanziell und qualitativ unterstützt und auch fair entlohnt werden.

Bei der Verteilung der Impfstoffe in Ländern des Globalen Südens gilt: Leave no one behind

Auch bei der Impfstoffverteilung muss das Credo leave no one behind gelten. Marginalisierte sowie vulnerable Bevölkerungsgruppen und Gemeinschaften müssen zuerst geimpft werden. Das bedeutet aber ebenso, dass Menschen in ländlichen, weit abgelegenen Gebieten, in Krisen und Kriegsgebieten, wie im Jemen oder Syrien, oder in Lagern sowie Vertriebene und Schutzsuchende der Zugang zu den Impfungen garantiert sein muss.

Niemand ist sicher, solange nicht alle sicher sind

Die COVID-19-Pandemie ist jedoch eine globale Krise und kann daher nur durch globales Vorgehen überwunden werden. Globale Solidarität ist daher gefragt, um die gesundheitlichen, aber auch sozialen und wirtschaftlichen Folgen für alle Menschen weltweit so gering wie möglich zu halten. Denn, wie der österreichische Außenminister Alexander Schallenberg sagt: „Niemand ist sicher, solange nicht alle sicher sind. Der faire und leistbare Zugang zu Impfstoffen gegen COVID-19 für alle ist daher essentiell“. Ansatzpunkte für internationale Unterstützung dafür gäbe es für Regierungen genug: Sie könnten ihren Anteil bei der COVAX-Initiative aufstocken, überschüssige Impfdosen in Länder des Globalen Süden liefern, sich für den Ausbau der Produktionskapazitäten einsetzen oder die lokalen Gesundheitssysteme unterstützen.

(ge)