Während in vielen reichen Ländern ein leichtes Aufatmen aufgrund sinkender Infektionszahlen zu vernehmen ist – in Österreich haben mittlerweile 37,7 % eine Schutzimpfung gegen COVID-19 erhalten –, wurden etwa in Äthiopien gerade einmal 1,44, in Mosambik 1,26 und im Jemen 0,06 Impfdosen pro 100 Personen verimpft. Damit zeigt COVID-19 bestehende soziale wie wirtschaftliche Ungleichheiten nicht nur auf, sondern vergrößert sie. "Solange nicht ausreichend Menschen überall auf der Welt geimpft sind, besteht das Risiko, dass Virusvarianten den Impfschutz unterlaufen. Das kann auch in Europa zu neuen Ausbrüchen und Lockdowns führen. Dieses Risiko gilt es umgehend einzudämmen. Es wäre eine moralische Tragödie und gesundheitlich wie wirtschaftlich fahrlässig, Länder des Globalen Südens jetzt nicht intensiv zu unterstützen", kommentiert Annelies Vilim, Geschäftsführerin der AG Globale Verantwortung, dem Dachverband von 34 Organisationen aus den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe, bei einer heutigen Pressekonferenz.

Die OECD schätzt, dass Milliarden von Menschen in armen Ländern frühestens 2023 oder 2024 geimpft werden können. Mit dem Risiko weiterer Mutationen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Pandemie und damit menschliches Leid sowie wirtschaftliche Einbrüche länger dauern: Weitere Millionen Tote, Lockdowns, überlastete Gesundheitssysteme und steigende Armut sind die Folge. "Mittlerweile widerspricht niemand, der sich ernsthaft mit COVID-19 auseinandergesetzt hat, der Tatsache, dass eine Pandemie nur global bekämpft werden kann", sagt Walter Hajek, Leiter der Internationalen Zusammenarbeit beim Österreichischen Roten Kreuz. "Konsequenterweise müssen daher nicht nur Impfstoffe gerecht verteilt werden, sondern auch Begleitmaßnahmen wie Informationskampagnen, Logistik, Personalschulungen organisiert und finanziert werden. Auch Österreich ist gefordert dabei einen zusätzlichen Beitrag zu leisten – aus Solidarität und aus eigenem Interesse".

"Ärmere Länder stehen vor einem Dilemma: Sie können sich die hohen Kosten für ausreichend Impfdosen nicht leisten. Gleichzeitig ist es essentiell, dass Impfprogramme nicht zulasten grundlegender Gesundheitsversorgung oder anderer staatlicher Aufgaben gehen, sondern zusätzlich finanziert werden", ergänzt Vilim. Es dürfe niemand zurückgelassen werden, Impfprogramme müssten besonders Risikogruppen sowie vulnerable Menschen erreichen, wie Sabine Prenn, österreichische Geschäftsführerin von Licht für die Welt fordert: "Menschen mit Behinderungen zählen in Gesundheitskrisen zur Risikogruppe. Österreich, als Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft, täte gut daran einen größeren Beitrag zu leisten, um Risikogruppen in armen Ländern in der Pandemie zu schützen. Sei es durch mehr Information über das Virus oder die Impfungen, die alle Menschen erreichen, durch Beschäftigungsprogramme, die in der Krise Einkommen ermöglichen, oder Humanitäre Hilfe. Die Bundesregierung ist gefordert, ihre internationale Verantwortung wahrzunehmen und Menschen mit Behinderungen bei allen Aktivitäten zur Pandemiebekämpfung konsequent einzubeziehen".

Die AG Globale Verantwortung appelliert daher an die österreichische Bundesregierung, dazu beizutragen, weltweites Impfen zu beschleunigen und die österreichischen Hilfeleistungen – wie auch im Regierungsprogramm vorgesehen – mit Fokus auf die Bekämpfung von COVID-19 auszubauen. "Ein Tag Lockdown kostet Österreich zwischen 190 und 243 Mio. Euro. Die österreichische Bundesregierung möge daher umgehend zusätzliche 200 Mio. Euro an bilateralen Mitteln bereitstellen, um Entwicklungsländer bei der Bekämpfung der Pandemie zu unterstützen. Es ist in unserem eigenen Interesse, COVID-19 weltweit zu bekämpfen und weltweit zu impfen", verleiht Vilim dem Appell abschließend Nachdruck.

Auf Facebook ist ein Mitschnitt der heutigen (27.05.2021) Pressekonferenz "Wir sind erst sicher, wenn alle sicher sind. COVID-19 global bekämpfen: Impfen" verfügbar.

(hh)