Bertelsmann Stiftung Bericht Sustainable Development Report 2019 - Transformations to achieve the Sustainable Development Goals

(06.08.2019 – Analyse) Die Bertelsmann Stiftung brachte Anfang Juni die vierte Edition des „Sustainable Development Report“ 2019, inklusive des SDG Länderrankings (Index) heraus. Der jährliche Überblick stellt die Performance aller Länder hinsichtlich der Umsetzung der Agenda 2030 und ihrer 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) vor. Zusammen mit dem Sustainable Development Solutions Network (SDSN) präsentiert die Bertelsmann Stiftung die gesammelten Daten zu den SDGs, ihre Veränderungen seit dem letzten Jahr sowie  Kalkulationen zur voraussichtlichen  Umsetzung bis 2030. Eins ist vorweg zu sagen: keines der Staaten wird laut der Berechnungen bis 2030 alle SDGs erreichen können.

Da es noch keine offiziellen Rankings oder Daten der UNO gibt, werden weiterhin privat-finanzierte Studien erstellt. Die Bertelsmann Stiftung weist darauf hin, dass sie ihre eigenen Indikatoren anwenden und  dass es auch andere private Studien gibt, die weiterhin unabhängig voneinander und mit anderer Indikatorenauswahl erstellt werden. Daher sind diese nicht vergleichbar.

Bei einer Präsentation des neuen Berichtes durch einen Vertreter der Bertelsmann Stiftung via Skype, erklärte man uns die Ergebnisse der Datensammlung und des globalen Rankings. An den ersten sechs Stellen (von insgesamt 162) liegen erwartungsgemäß Länder des Nordens, die reichen Industriestaaten, die noch am ehesten die Umsetzung der Ziele erreichen könnten: Dänemark, Schweden, Finnland, Frankreich, Österreich und Deutschland.

Was bedeutet das jetzt im Konkreten?

Besonders ausschlaggebend bei Veränderungen im Ranking sei die Verwendung von neuen Indikatoren bei der Berechnung, das heißt, im Vergleich zum Bericht des Vorjahres wurden nicht eindeutig vergleichbare Daten verwendet. Andere Indikatoren wurden bei den Themen Landwirtschaft, Ernährung, Geschlechtergleichstellung und Meinungsfreiheit verwendet. Daher ist es sehr schwierig nachzuvollziehen wie genau die neuen Indikatoren auf das Ranking eine Auswirkung haben. Weiters bedeutet das neue Ranking auch nicht, dass Österreich bei der Umsetzung sich deutlich verbessert hat, denn laut Bertelsmann Stiftung, ergaben sich durch die neuen Indikatoren grundsätzliche Verschlechterungen bei vielen Ländern, daher auch Verschiebungen im Ranking. Deutschland, zum Beispiel, fiel hinter Österreich auf Platz 7 zurück.  

In der SDG Dashboard (Status Quo 2019) ist klar erkennbar, in welchen Bereichen Österreich noch einiges zum Aufholen hat: bei SDG 12 (Verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster), 13 (Klimaschutz), 17 (Partnerschaften) gibt es laut Studie erhebliche Herausforderungen, nur SDG 1 (Keine Armut) und SDG 16 (Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen) wurden bereits erfüllt. Bei den restlichen SDGs ergibt sich daher auch noch Aufholbereich.

(c) Bertelsmann Stiftung

Beim Trendbericht (Veränderungen gegenüber dem letzten Bericht zu 2019) über die SDGs ist Österreich laut der Studie bei sechs der 17 SDGs auf einem guten Weg (on track), bei sieben Zielen gibt es "moderate Verbesserungen" (moderately improving), nur bei SDG 13 (Klimaschutz) gibt es keine Veränderungen (stagnating). Insgesamt heißt das aber nicht, dass in Österreich schon alles auf einem guten Weg sei. Nur eben im Ranking schneide Österreich im Moment besser als andere Länder ab.

Darüber hinaus fehlen beim Österreichischen Länderprofil Daten zu den SDGs 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden), SDG 12 (Verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster) und SDG 14 (Leben unter Wasser). Jedoch besonders bei den Zielen 11 und 12, zusammen mit SDG 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz), hätten die reichen OECD Länder nicht nur sehr viel Potential nach oben hin, um nachhaltig und langfristig etwas in der Welt zu verändern, sondern auch eine Vorreiterrolle bei der Umsetzung der Agenda 2030 zu spielen.

Das Konsum- und Produktionsverhalten im Norden hat auch gleichzeitig sogenannte direkte und indirekte spill over Effekte auf die Länder des Globalen Südens. Ein Beispiel das immer wieder genannt wird, ist z.B. der Konsum von Palmöl oder Avocados. Der Anbau beider Kulturpflanzen habe erhebliche Auswirkungen auf Landwirtschaft und Böden (z.B. in Indonesien, Brasilien etc.), verstärke zumal die Regenwaldabholzung, welche wiederum die Klimaerhitzung antreibt. Auch die Einlagerung von Geld in Steueroasen schade letztlich auch den Ländern des Südens und verringert das Steuereinkommen in diesen Ländern.

Besonders hinsichtlich des Klima- und Umweltschutzes (SDGs 13, 14, 15) liegen alle Länder zurück und kein Land ist bis jetzt in den grünen Bereich (wird 2030 die Umsetzung erreichen) gekommen. Hier haben also fast alle Länder erheblichen Aufholbedarf. Ungleichheiten im Einkommen und im Wohlstand, sowie Lücken in Gesundheits- und Ausbildungssystemen bleiben weiterhin für alle Länder wichtige politische Herausforderungen.

7 globale Kernergebnisse der Studie und Handlungsaufforderungen

Auf Grund der bisherigen schleppenden Umsetzung der Agenda 2030 und ihrer SDGs global gesehen, erstellten die Studienherausgeber sieben Kernergebnisse die auch gleichzeitig als Handlungsaufforderungen verstanden werden sollen.

  1. Hochrangige politische Zusagen der Staatengemeinschaft aus dem Jahr 2015  bleiben unerfüllt:
    Nur wenige haben bisher konkrete Maßnahmen gesetzt, z.B. kommen die SDGs nur in wenigen Regierungserklärungen und Budgetplänen vor.
  2. Fehlen von großen, transformativen Aktionen:
    Besonders in den Bereichen Bildung, Geschlechtergerechtigkeit, Ungleichheiten, Gesundheit, Energie, Nachhaltige Ernährung und Landwirtschaft und soziale Steuerpolitik kann  transformativer Wandel stattfinden.
  3. Trends zu SDG 13, 14, und 15 zu Klimaschutz sind alarmierend:
    besonders zu CO2 Emissionen, Artenschutz und Biodiversität sollten jetzt Maßnahmen gesetzt werden.
  4. Menschenrechte und Meinungsfreiheit in Gefahr:
    um dem gegenzusteuern, sei die Erreichung von SDG 16 besonders gut geeignet und ein wichtiger Hebel.
  5. Extreme Armut weiterhin größte Herausforderung:
    die Hälfte der Welt lebt in Armut, auch in den Staaten mit mittleren Einkommen (MDCs) gibt es weiterhin große Lücken bei Zugang zu Serviceleistungen sowie Ungleichheiten bei Einkommen- und Besitzverteilung.
  6. Für Nachhaltige Agrar- und Landwirtschaftliche Nutzung braucht es Klima- und Gesundheitsmaßnahmen: 
    Aktivitäten die effiziente und resiliente Landwirtschaft mit Erhaltung der Biodiversität und gesunde Ernährung verbinden.
  7. G20 sowie andere Industrieländer erzeugen hohe ökologische und soziale spill over Effekte:
    Konsum und Produktionsverhalten beeinträchtigen die Möglichkeiten anderer Länder ein gutes Leben für alle zu gewährleisten (v.a. schlechte Produktions- und Arbeitsbedingungen, Steueroasen, Erzeugung von Produkten die die Regenwaldabholzung unterstützen etc.)

Drei Handlungsaufforderungen der Studie

Die Studienherausgeber resümieren, dass es politisches Handeln benötigt und das Agenda-Setting zur Erreichung der 17 Ziele global in den Vordergrund gestellt werden soll, um bis 2030 die Agenda umsetzen zu können. Dafür braucht es eine klare und kohärente Darstellung und Miteinbeziehen  der Agenda 2030 in der Regierung, Verwaltung und in politischen Programmen. Konkret schlägt die Bertelsmann Stiftung ein SDG Portal für Kommunen vor, um einen Vergleich zwischen den Ländern zu bewerkstelligen, damit eine Selbstverortung zu schaffen und auch das wechselseitige Lernen mittels Best-Practice-Beispielen zu ermöglichen.

Die Studie schlussfolgert zudem über eine notwendige Erhöhung des gesellschaftlichen Bewusstseins über die Agenda 2030 und ihrer 17 Ziele. Dabei muss die Politik und Wissenschaft auch breiteres Agenda-Setting betreiben, sowie Wirtschaft, Verbände, CSOs und Stiftungen als bedeutende Multiplikatoren einschließen. Gerade das Bildungssystem spielt eine essentielle Rolle für die Bewusstseinsbildung für Nachhaltige Entwicklung und andere aktuelle Gesellschaftsthemen. Gerade die Fridays 4 Future Bewegung zeigt die Schlagkraft von Bildung für das gesellschaftliche Engagement im Sinne von Nachhaltiger Entwicklung.

Für eine Umsetzung von Nachhaltiger Entwicklung braucht es ein Gemeinsames Vehikel. Die Studienautoren sehen in der Agenda 2030 und ihren 17 Zielen für Nachhaltige Entwicklung das Potential einer lingua franca („Weltsprache“). Eine Referenzgröße, die Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und diverse andere gesellschaftliche Akteure unter sich vereint. Dazu braucht es zivilgesellschaftliches Engagement, welches die Verantwortlichkeit der Politik einfordert und breite gesellschaftliche Mobilisierung auf den Weg bringt.

Denn eines ist klar: Nur gemeinsam können wir die Agenda 2030 und die 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung erreichen!


Weiterführende Links:

Link zum Bericht

Link zur Executive Summary

Link zum Länderprofil Österreich

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen