Arbeitsgemeinschaft für Entwicklung und Humanitäre Hilfe
Bericht
Ungleichheiten sind weder naturgegeben noch unvermeidbar, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. Der World Inequality Report 2026 zeigt, wie sich Vermögen, Einkommen, Klimaverantwortung und politische Macht zunehmend in den Händen weniger konzentrieren – mit gravierenden Folgen für Demokratie, sozialen Zusammenhalt und globale Gerechtigkeit.
Seit 2018 veröffentlicht das World Inequality Lab alle vier Jahre den World Inequality Report (WIR). 2026 haben Lucas Chancel, Ricardo Gómez-Carrera, Rowaida Moshrif und Thomas Piketty die Koordination des Berichts übernommen. Neben traditionellen ökonomischen Dimensionen von Ungleichheiten, wie z. B. Vermögensungleichheiten, beleuchtet der WIR 2026 neue Dimensionen, die das 21. Jahrhundert maßgeblich prägen: die Klimakrise, den ungleichen Zugang zu sozialer Infrastruktur, die Asymmetrien des globalen Finanzsystems und nationale politische und sozio-ökonomische Spaltungen. In Summe zeigen sie, dass Ungleichheiten jeden Bereich des wirtschaftlichen und sozialen Lebens betreffen.
Das Ziel des Labs ist es, eine gemeinsame Faktengrundlage zum Thema Ungleichheiten zu schaffen, d. h. offen zu legen, wie sich Ungleichheiten entwickeln, wer davon profitiert und wer zurückbleibt, sowie welche politischen Instrumente zur Verringerung von Ungleichheiten zur Verfügung stehen.
Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit sind die World Inequlity Reports. Die Berichte beruhen auf der Arbeit von über 200 internationalen Wissenschaftler*innen, die gemeinsam den weltweiten Diskurs über Ungleichheiten mitgestalten. Dabei legt das Lab seinen Fokus darauf, das Verständnis von politischen Entscheidungsträger*innen, Wissenschaftler*innen und Bürger*innen hinsichtlich des Ausmaßes, der Wirkungszusammenhänge und der Ursachen von Ungleichheiten neu zu prägen, indem es seine Erkenntnisse gezielt in nationale sowie internationale Debatten über Steuerreformen, Vermögensbesteuerung, Umverteilung, etc. einbringt.
Zentral für die Umsetzung dieser Mission ist die World Inequality Database (WID), die das Lab im Laufe von zwei Jahrzehnten gemeinsamer internationaler Forschung aufgebaut hat und weiterhin ausbaut. Die Plattform bietet öffentlichen Zugang zu umfangreichen Daten über die historische Entwicklung der heutigen Einkommens- und Vermögensverteilung, und ermöglicht es, verschiedene Dimensionen von Ungleichheiten über Länder, Regionen und sozioökonomische Gruppen hinweg nachzuvollziehen. Ziel ist es, durch ein hohes Maß an Zugänglichkeit die demokratische Debatte zu stärken.
Neben der allgemeinen Datenbank entwickelt das Lab eine Reihe ergänzender Instrumente und Plattformen; dazu gehören bislang folgende:
Aufgrund politischer und institutioneller Entscheidungen profitiert nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung von Globalisierung und Wirtschaftswachstum, was zu extremen andauernden Ungleichheiten führt. Steigende Ungleichheiten untergraben das Vertrauen in die Demokratie, lassen politischen Konsens erodieren und befeuern Unzufriedenheit. Der WIR 2026 stellt das intersektionale Zusammenspiel von ökonomischen, ökologischen und politischen Ungleichheiten in den Vordergrund.
Der Bericht weist einmal mehr nach, dass die reichsten 10% der Weltbevölkerung mehr Einkommen als die übrigen 90% erzielen. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung erhält hingegen weniger als 10% des globalen Einkommens. Beim Vermögen sind die Ungleichheiten noch drastischer: Obwohl das weltweite Vermögen kontinuierlich wächst, besitzen die reichsten 10% der Bevölkerung 75% des weltweiten Vermögens, während die ärmere Hälfte lediglich über 2% verfügt.
Diese ökonomischen Ungleichheiten bestehen einerseits zwischen Weltregionen – beispielsweise ist das durchschnittliche Einkommen in Nordamerika und Ozeanien rund 13-mal höher als in Subsahara-Afrika – andererseits weisen gerade wohlhabende Weltregionen ein hohes Maß an internen ökonomischen Ungleichheiten zwischen Bevölkerungsschichten auf. Globaler Reichtum bedeutet daher keineswegs eine gerechte Verteilung: Sowohl der Geburtsort als auch die finanzielle Situation der Familie entscheidet maßgeblich über Lebensstandard und Zukunftschancen.
Die hohe Konzentration von Vermögen sichert wohlhabenden bis superreichen Menschen wirtschaftliche Macht und zunehmend einen politischen Einfluss. Dies verschiebt politische Prioritäten zugunsten einer wohlhabenden bis supperreichen Minderheit und begrenzt in Demokratien den politischen Handlungsspielraum, der eigentlich auf breite gesellschaftliche Interessen und die Reform von bestehenden unfairen Machtverhältnissen ausgerichtet ist.
Gleichzeitig werden politische Konfliktlinien komplexer. In vielen Demokratien decken sich Bildungs- und Einkommensniveau immer weniger, wodurch frühere klassenbasierte Bündnisse an Stabilität verlieren. Hinzu kommen territoriale Spaltungen zwischen Metropolregionen und ländlichen Räumen, die durch den ungleichen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, ungleiche wirtschaftliche Perspektiven und ungleiche Folgen von Globalisierung und Strukturwandel verstärkt werden. Die gesellschaftliche Fragmentierung erschwert den Aufbau jener politischen Koalitionen, die notwendig wären, um Umverteilung, Investitionen und den Abbau von Ungleichheiten durchzusetzen. Eine gerechtere Gesellschaft erfordert daher den Wiederaufbau eines breiten gesellschaftlichen Konsenses und politischer Bündnisse, die regionale, soziale und wirtschaftliche Unterschiede überwinden.
Auch in der Klimakrise zeigen sich globale Ungleichheiten in mehrfacher Hinsicht. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung verursacht lediglich 3% der CO₂-Emissionen, die mit privatem Vermögen verbunden sind. Das reichste Prozent hingegen ist für 41% dieser Emissionen verantwortlich. Ökologische Ungleichheiten beschränken sich jedoch nicht auf die Verursachung der Klimakrise, sondern setzen sich in ihren Folgen fort. Die Bevölkerungsgruppen, die am wenigsten zur Erderhitzung beitragen, sind ihren Auswirkungen am stärksten ausgesetzt. Umgekehrt verfügen die Hauptverursacher häufig über die größten finanziellen und politischen Möglichkeiten, sich vor den Folgen zu schützen.
Die Klimakrise ist daher nicht nur eine ökologische, sondern auch eine Frage globaler Gerechtigkeit: Verantwortung, Betroffenheit und Handlungsmacht sind weltweit höchst ungleich verteilt.
Geschlechtsspezifische Ungleichheiten bestehen fort: Frauen leisten weltweit nach wie vor den größeren Anteil bezahlter und insbesondere unbezahlter Sorgearbeit; gleichzeitig verdienen sie in der Lohnarbeit im Durchschnitt nur 61% des Einkommens von Männern.
Diese Ungleichheiten gehen weit über Einkommen hinaus. Sie ist in gesellschaftlichen Strukturen verankert, die bestimmen, wessen Arbeit anerkannt und entlohnt wird, wer Zugang zu Ressourcen, Führungspositionen und Entwicklungsmöglichkeiten erhält und wer den Großteil unverzichtbarer, aber unsichtbarer Sorgearbeit übernimmt.
Die systematische Abwertung und ungleiche Verteilung dieser Arbeit ist nicht nur eine Frage von Gerechtigkeit. Wirtschaftssysteme, die das Potenzial und die Leistungen der Hälfte der Bevölkerung benachteiligen, schwächen ihre eigene Innovationskraft, Produktivität und langfristige Resilienz.
Progressive Steuersysteme und gezielte Umverteilung (z. B. durch Vermögens- oder Erbschaftssteuern) gehören nachweislich zu den wirksamsten Instrumenten zur Verringerung von Ungleichheiten. Dennoch werden hohe Einkommen und große Vermögen weiterhin unzureichend besteuert, weshalb Staaten erhebliche finanzielle Mittel für Investitionen in Bildung, Gesundheitsversorgung, soziale Absicherung und Klimaschutz fehlen. So standen im Jahr 2025 für die Bildungsausgaben eines Kindes in Subsahara-Afrika durchschnittlich nur 220 € zur Verfügung, gegenüber 7.430 € in Europa und 9.020 € in Nordamerika und Ozeanien. Solche Unterschiede prägen Bildungs- und Erwerbschancen über Generationen hinweg und verfestigen bestehende Vermögens- und Machtverhältnisse. Eine mangelnde oder zu geringe Umverteilung verschärft aber nicht nur Ungleichheiten, sondern untergräbt auch das Vertrauen in die Fairness staatlicher Institutionen und des Steuersystems.
Was lückenhafte nationale Steuersysteme für wohlhabende Privatpersonen sind, ist die Architektur des globalen Finanzsystems für die wohlhabenden Volkswirtschaften des Globalen Nordens – sie begünstigen strukturell die Konzentration finanzieller Mittel und ökonomischer Macht. Staaten, deren Währungen als internationale Reservewährungen dienen, können sich günstiger verschulden, internationales Kapital anziehen und höhere Renditen aus Auslandsinvestitionen erzielen. Länder des Globalen Südens hingegen finanzieren sich häufig zu höheren Kosten und tragen größere finanzielle Risiken. Diese Ungleichheiten sind nicht das Ergebnis wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, sondern in erster Linie Ausdruck der institutionellen Gestaltung des internationalen Finanzsystems. Die bestehenden Regeln und Machtverhältnisse verschaffen einigen Staaten dauerhafte finanzielle Vorteile, während andere in strukturellen Abhängigkeiten verbleiben. Dadurch werden neokoloniale Vermögens- und Machtgefälle reproduziert.
Der WIR 2026 beleuchtet zwar nur ausgewählte Länder, zu denen Österreich nicht gehört, allerdings sind nützliche Daten zu Österreich in der WID zu finden.
Österreich bekommt im Ungleichheits-Transparenz-Index des Labs lediglich 10,2 von 20 Punkten im Jahr 2025. Der Index zeigt an, inwiefern der österreichische Staat Daten hinsichtlich Ungleichheiten im Land, z. B. Steuerunterlagen und amtliche Statistiken, zugänglich macht. Diese Einstufung ist ein Zeichen für zivilgesellschaftliche Akteur*innen in Österreich, den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, umfassende Daten transparent zu veröffentlichen.
Trotz der ernüchternden Ergebnisse betonen die Autor*innen des WIR 2026, dass es möglich ist, Ungleichheiten zu reduzieren und Solidarität sowie Vertrauen der Bürger*innen in demokratische Institutionen wiederherzustellen. Dafür nennen die Expert*innen folgende Lösungswege:
Der Bericht bietet eine Basis für evidenzbasierte Politik und erinnert daran, dass Ungleichheiten eine politische Entscheidung sind. Es liegt am politischen Willen, die oben genannten Lösungswege umzusetzen. Ungleichheiten zu reduzieren, ist nicht nur vorteilhaft für soziale Gerechtigkeit, sondern ebenfalls für die Resilienz von Wirtschaften, die Stabilität von Demokratien und das Überleben unseres Planeten.
Im Rahmen ihrer Arbeit zur internationalen Entwicklungsfinanzierung, insbesondere zur UN-Steuerrahmenkonvention und zu Schuldenerlassen, verschafft die AG Globale Verantwortung den zivilgesellschaftlichen Positionen aus Ländern des Globalen Südens Gehör bei der österreichischen Politik.
(lf)
World Inequality Lab (2026): World Inequality Report 2026
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