Nachlese der Diskussion Innovative Geschäftsmodelle für eine nachhaltige Zukunft. SDGs umsetzen und neue KundInnen ansprechen

(31.01. 2019 - Nachlese) Warum ist es für österreichische Unternehmen wichtig, sich mit der Agenda 2030 und den Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) auseinanderzusetzen? Welche Rollen können entwicklungspolitische Organisationen dabei spielen? Welche Lehren ziehen Unternehmen, die die SDGs bereits in ihrem bei Kerngeschäft verankert haben, aus ihren Erfahrungen? Welche Rahmenbedingungen braucht es auf politischer Ebene?

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© AG Globale Verantwortung, Daniel Weber

In einem offenen Dialog diskutierten nationale und internationale VertreterInnen aus Wirtschaft und Politik diese und weitere Fragen am 23. Januar 2019 in der Sky Lounge der Wirtschaftskammer Österreich. Der Abend wurde von der AG Globale Verantwortung gemeinsam mit der Außenwirtschaft Austria der WKO, dem Ban Ki-Moon Centre for Global Citizens und dem Global Compact Netzwerk Österreich organisiert.

Nach einleitenden Worten von Annelies Vilim (Geschäftsführerin der AG Globale Verantwortung) begrüßte Ulrike Rabmer-Koller (Vizepräsidentin der WKO) das diverse Publikum an VertreterInnen aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Daraufhin machte Dr. Heinz Fischer (Präsident der Republik Österreich a. D. & Vizevorsitzender des Ban Ki-moon Centre for Global Citizens) mit einer Keynote Speech zum Thema den inhaltlichen Auftakt der Veranstaltung.

Im Anschluss diskutierten Christine Fasching (Vertriebsleiterin von Neulandt 3P, Umdasch Group NewCon), Elisabeth Tocca (Gründerin und Geschäftsführerin von CORA happywear), Irene Janisch (geschäftsführende Leiterin der Abteilung OECD, Nachhaltigkeit & Projektleiterin des SDG Business Forum im BMDW) und Markus Haas (Leiter Netzwerk Projekte International, Außenwirtschaft Austria der WKO) über die Rolle und Chancen von Unternehmen bei der Umsetzung der SDGs sowie notwendige politische Rahmenbedingungen. Das Podium war sich darin einig, dass es nur durch eine Kooperation von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gelingen wird, die Agenda 2030 und ihre 17 Ziele zu verwirklichen.

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© AG Globale Verantwortung, Daniel Weber

Eröffnung: SDGs als historische Chance

Annelies Vilim stellte in ihren einleitenden Worten fest, dass zur Umsetzung der Agenda 2030, dem globalen Aktionsplan für ein gutes Leben für alle, die Zusammenarbeit unterschiedlicher Sektoren notwendig ist. „Es klingt nach einer großen Aufgabe, aber sie ist machbar. Und zwar gemeinsam. Überall auf der Welt strengen sich täglich viele Menschen an, um unserem kleinen, blauen Planeten und seinen BewohnerInnen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Einige dieser Menschen stehen auch heute Abend im Mittelpunkt.“, so Annelies Vilim. Vor diesem Hintergrund hob sie hervor, dass es auch politische Rahmenbedingungen, die Nachhaltigkeitsstandards definieren und die Zusammenarbeit von Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft fördern, braucht, um die Agenda 2030 und ihre SDGs umzusetzen.

Die Begrüßungsworte der Gastgeberin, Frau Ulrike Rabmer-Koller, unterstrichen ebenfalls die kooperative Dimension und machten deutlich, dass die Rahmenbedingungen einen sehr hohen Stellenwert dabei haben: „Zur Erreichung der SDGs braucht es ein Miteinander. Die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen ist dabei sehr wichtig.“ Sie hob hervor, wie wichtig dabei in Österreich klein- und mittelständische Unternehmen als Innovatoren sind, um die Welt lebenswerter zu machen.

Dr. Heinz Fischer appellierte an die anwesenden Unternehmen aktiv an der Umsetzung der Agenda 2030 mitzuwirken. „Die SDGs kann man nur durch Zusammenarbeit erreichen“, so der ehemalige Bundespräsident und Co-Chair des Ban Ki-moon Centre. Dadurch, dass er die SDGs als eine Gegenposition zu den weltweiten Risiken darstelle, stellte er zudem ihre politische Dimension ins Zentrum: „Wenn wir uns der Umsetzung der SDGs widmen, leisten wir einen wesentlichen Beitrag dazu, diese Risiken wirksam und nachhaltig zu bekämpfen“, bekräftigte Dr. Fischer.

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Diskussion: Innovative Ansätze & notwendige politische Rahmenbedingungen

Als Einstimmung zur Diskussion legte Annelies Vilim nochmals dar, welches enorme Potential in einer zielbewussten Umsetzung der Agenda 2030 liegt: „Die Agenda 2030  vereint - auf Grundlage der universellen Menschenrechte - soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte. Sie zielt auf eine Wirtschafts- und Handelspolitik ab, die dazu beiträgt, Armut zu beseitigen und Umweltressourcen zu schonen. Sie sieht eine Politik vor, die Chancengleichheit herstellt, niemanden zurücklässt und eine nachhaltige Wirtschaft fördert.“ Die AG Globale Verantwortung habe vor diesem Hintergrund letztes Jahr internationale positive Beispiele aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft recherchiert und in einem Magazin für globale Ermutigung mit dem Titel Funkensprung veröffentlicht.

Das Unternehmen Neulandt 3P, eine Tochtergesellschaft des Familienunternehmens Umdasch Gruppe mit 150jähriger Geschichte, setzt in seiner Unternehmensstrategie bewusst auf Innovation mit weitreichendem Fokus und strategischer Reichweite, wie Christine Fasching betont: „Vor ein paar Jahren nahm sich die Geschäftsführung vor, Produkte und Lösungen zu entwickeln, die auch dazu dienen, soziale Brennpunkte in der Welt zu entschärfen. Der Unternehmensführung war bewusst, dass wir uns mit den globalen Herausforderungen, wie beispielsweise demografischen Entwicklungen, beschäftigen müssen, wenn wir weitere 150 Jahre bestehen wollen.“ Durch die Schaffung und Nutzung lokaler Wertschöpfung sowie die Ankurbelung der gesamten Industrie mit angrenzendem Gewerbe in Ländern des globalen Südens trägt Neulandt 3P als erster Ansatz der neuen Unternehmensstrategie u.a. zur Schaffung von leistbarem Wohnraum, zur Armutsbekämpfung sowie zur Errichtung von nachhaltiger Infrastruktur für die Wasser-, Verkehrs-, Energie-, Sanitär- und Abfallbehandlung und zur Förderung lokaler Arbeitskräfte bei.
Um das das Potential der Agenda mit ihren Zielen aus unternehmerischer Sicht ausschöpfen zu können, unterstrich Frau Fasching, dass sie sich von Politik die dazu notwendige Risikominimierung und ein Angebot an unterstützenden Fördertöpfen wünscht. Da für sie die Gesellschaft vor Ort essentiell ist, attestierte sie entwicklungspolitischen Organisationen, die oft langjährige Expertise vor Ort haben, eine gewichtige Rolle.

Elisabeth Tocca, Gründerin und Geschäftsführerin von CORA happywear, eines aufstrebenden Startup-Unternehmens aus Bozen, das Kleidungsstücke für Babys, Kinder und Frauen herstellt, betonte wie sehr ihr bei der Unternehmensgründung ein positiver Impact für unseren Planeten am Herzen lag: „Wir wählen Materialien sorgfältig und mit Respekt vor den Menschen aus, die sie tragen und vor allem produzieren. Wichtig ist es, mit Mut aus der Komfortzone herauszugehen und soziale und ökologische Verantwortung wahrzunehmen.“ Ihre Kinder waren der Motor, den abenteuerlichen Weg eines Start-Ups in der schwierigen Modebranche zu beschreiten: „Ich wollte meine Kinder dazu inspirieren, liebevoll, neugierig und mutig zu sein. Übrigens kommt CORA von coraggio, was auf Italienisch mutig bedeutet.“
Von der Politik wünscht sich Elisabeth Tocca einen Beitrag zur Bewusstseinsschaffung über Kaufverhalten und Konsum in der Bevölkerung und dass sie Barrieren für nachhaltige Innovationen abbaut, damit UnternehmerInnen sich aufs Kerngeschäft konzentrieren können.

Weil Unternehmen aber nicht im luftleeren Raum agieren, sondern auch wie von den UnternehmensvertreterInnen angesprochen die notwenigen Rahmenbedingungen brauchen, die etwa Nachhaltigkeitsstandards definieren oder die Zusammenarbeit von Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft fördern, brachten sich Markus Haas und Irene Janisch als VertreterInnen wirtschaftsnaher Stakeholder in die Diskussion ein.

Irene Janisch, die das Projekt „SDG Business Forum“ des Bundesministeriums für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort leitet, betonte, dass viele Unternehmen schon zu den SDGs arbeiten ohne dass es ihnen bewusst ist. „Es gilt daher die Chancen der Agenda 2030 mit ihren 17 SDGs stärker zu kommunizieren, den Dialog zwischen den Stakeholdern zu intensivieren und zu vertiefen“, so Frau Janisch. Dieser Ansatz spiegelt sich auch in den Zielen des SDG Business Forums wider, das etwa zur Initiierung eines strategischen Dialogs zur Schaffung eines einheitlichen Rahmens oder die Bewusstseinsschaffung für Synergien von SDG und Unternehmen und potenzielle Marktchancen beiträgt. Sie hob außerdem hervor, wie wichtig es sei die die Partnerschaft zwischen Akteuren zu bündeln: „Notwendiges ExpertInnenwissen ist vielfach in Nichtregierungsorganisationen vorhanden. Das muss genutzt werden.“ Dazu brauche es verstärkt „stakeholderspezifische Kommunikation und die Nutzung von Synergien durch stärkere Positionierung heimischer Unternehmen in Politikfeldern wie Entwicklungs-oder internationale Umweltpolitik“.

Als Vertreter der Außenwirtschaft Austria erklärte Markus Haas, Leiter der Netzwerk Projekte International, ganz klar: „Zur Umsetzung der Agenda 2030 mit ihren SDGs ist der Brückenschluss zwischen Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen sehr wichtig. Wir können uns nicht leisten, es nicht zu tun.“ Dieser Zugang findet auch im Alltag vom Netzwerk Projekte International Ausdruck, das heimische Unternehmen mit ExpertInnen und VertreterInnen internationaler Institutionen und der Zivilgesellschaft vernetzt. Haas betonte, dass Unternehmen im Rahmen ihrer Geschäftstätigkeit zur Erreichung der SDGs beitragen und damit wichtige Wegbereiter für den Aufbau nachhaltiger Wirtschaftssysteme und in Folge für die Schaffung von Wohlstand sind. Für ihn sei der Nachhaltigkeitsgedanke der SGDs zeitlos und da vor allem familiengeführte Unternehmen in Österreich langfristig denken, können sie genau dort auch ihre Wirkung entfalten. „Das Bekenntnis zu den SDGs ermöglicht es Chancen zu maximieren und Risiken zu minimieren. Dabei spielt auch der Zusammenhang zwischen strukturellen Möglichkeiten und Innovation eine wichtige Rolle. Gerade in schwierigen Märkten kann verantwortungsvolles Handeln zum unternehmerischen Erfolg beitragen“, so Markus Haas.

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Über die TeilnehmerInnen

Christine Fasching ist seit 2008 bei der Umdasch Group und war u.a. über sieben Jahre im Projektmanagement im Bereich Infrastruktur- und Hochbauprojekte in der Region Ostasien-Pazifik tätig. Seit 2018 ist sie Vertriebsleiterin der Umdasch Group NewCon und ihrer Tochtergesellschaft Neulandt.

Dr. Heinz Fischer war von 2004 bis 2016 Präsident der Republik Österreich. Zudem war er davor u.a. Sekretär und Klubobmann der SPÖ, lange Zeit Abgeordneter zum sowie Präsident des Nationalrats, Wissenschaftsminister, stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Europas. 2017 gründete Dr. Fischer gemeinsam mit dem ehemaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-moon das Ban Ki-moon Centre for Global Citizens, das im Jänner 2018 in Wien feierlich eröffnet wurde.

Markus Haas ist seit Oktober 2017 Leiter der Netzwerk Projekte International in der Außenwirtschaft Austria der Wirtschaftskammer (WKÖ). Davor arbeitete er als Wirtschaftsdelegierter in Algier, sowie als stellvertretender Wirtschaftsdelegierter in New York, New Delhi und Damaskus.

Irene Janisch arbeitet seit 1989 im Wirtschaftsministerium im Bereich Außenwirtschaft und Europäischen Integration. U.a. war sie bei der Europäischen Kommission und an der Vertretung Österreichs bei der EU tätig bevor sie 1999 die Leitung der Abteilung für EU-Koordination, Nachhaltigkeitsstrategien und Angelegenheiten der Entwicklungszusammenarbeit im Wirtschaftsministerium übernahm. Seit Anfang 2019 leitet sie geschäftsführend die Abteilung OECD und Nachhaltigkeit und das SDG Business Forum im Bundesministerium für Digitalisierung uns Wirtschaftsstandort.

Ulrike Rabmer-Koller ist seit 2015 Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich und Mitglied im Präsidium des Österreichischen Wirtschaftsbundes. Seit 2011 ist sie alleinige Geschäftsführerin der Rabmer Gruppe (Hoch- und Tiefbau sowie Umwelttechnik). Sie ist zudem seit 2018 Mitglied in der hochrangigen Expertengruppe „Industrie 2030" der Europäischen Kommission und seit 2016 Präsidentin des europäischen KMU-Verbandes SMEunited.

Elisabeth Tocca ist Gründerin und Geschäftsführerin von CORA happywear, einer aufstrebenden Marke, die Kleidungsstücke für Babys, Kinder und Frauen herstellt. Frau Tocca arbeitete zuvor als Brand Manager in der Oberalp-Gruppe für die Marke Salewa und als Produkt- und Marketingmanagerin bei Dr. Schär.

Annelies Vilim ist seit 2013 Geschäftsführerin des Dachverbands AG Globale Verantwortung mit 35 Mitgliedsorganisationen aus den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe. Davor war sie viele Jahre als selbständige Trainerin für Führungskräfte und Beraterin für Organisations- und  Strategieentwicklung sowie für Public Affairs Management zumeist im europäischen Ausland tätig. Sie arbeitete mit Organisationen aus unterschiedlichen Sparten: Politik, Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft. Am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn leitete sie politische Kampagnen in Österreich.

(lw)

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